Geschäftshaus für "Confection", Hausvogteiplatz 8, 10117 Berlin - Mitte (1892)
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Ulrich  Hermanns Ulrich Hermanns
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Album: Alte Bauten in Berlin

Geschäftshaus für "Confection" - Alte Bauten in Berlin

Hausvogteiplatz 8 (10117 Mitte)


Die originale Bildunterschrift lautet

Geschäftshaus zum Hausvoigt in Berlin, Hausvoigteiplatz 8 - 9

Der Architekt dieses Baus, das "ausschließlich Geschäftsräume, die in allen Geschossenfür die Bedürfnisse des gemeinhin` Confection` genannten Gewerbes eingerichtet sind [enthält] war Otto March (1845-1913) March war Teil einer Baumeisterfamilie, sein Vater war Fabrikant für Tonwaren, Ziegel, Schmucksteine, seine Söhne Werner  und Walter waren ebenfalls Architekten, wobei Werner,  der bekanntere von beiden, als Architekt des Berliner Olympiastadions genannt wird. (Wobei der braune Diktator, Möchtgernkünstler und -architekt mehr als nur ein Wörtchen mitredete.) Otto March hatte ins Rheinland geheiratet und machte sich hier wie in Berlin einen Namen als Entwerfer großartiger Landhäuser und Villen.

Das mächtige Geschäftshaus, das auf einem verwinkelten Grundstück über dem alten Festungsgraben steht, war wie oben erwähnt, Sitz der verschiedensten "Confections"-Firmen. Zu erkennen sind die Reklameschilder von Gebrüder Lamm, Reifenberg & Co., Edmund Boehm, Gebr. Heller & Horwitz, Lebbin & Scherek.

Der Name Hausvogteiplatz erinnert an ein königliche Hofgericht, ein Gericht, das allein für die Bediensteten des königlichen Hofes zuständig war und "Hausvoigtei" genannt wurde. (Voigt = alte Schreibweise für Vogt; der Vokal "i" wird nicht gesprochen, er dient der Dehnung des vorangehenden Vokals "o".)

Die Fassade des vorspringenden Bauteils zeigt drei Achsen, die Mittelachse ist durch einen risalitartig vorspringenden Erker zwischen erstem und dritten Obergeschoss betont, der von einem ringsum prächtig geschmückten ovalen Fenster überkrönt ist. Der Dachaufbau besteht aus einem geschweiften Giebel, dessen Spitze mit der Figur des Hausvogts geschmückt ist. Dazu heißt es in der alten Baubeschreibung: "Die den Giebel krönende Figur des Hausvoigts ist von dem Bildhauer Westphal [ Ernst Westphal (1851-1926)] modellirt und von F. Peters in Kupfer getrieben. Ihr Gewicht beträgt 150 kg." 

Betont wird außerdem, dass das im Stile des Historismus errichtete Gebäude über modernste Einrichtungen verfügte: "Die Lieferung der 5 Personen- und Lastenaufzüge war der Firma Otis Brothers u. Co. (New York) übertragen."     

Das Gebäude wurde nach Kriegszerstörungen in den 50er Jahren "modern" wiederhergestellt. Dazu gibt es eine Baubeschreibung in der Denkmaldatenbank der Berliner Denkmalverwaltung.(Link siehe hier!)  auf die auch hier wieder gerne hingewiesen wird.

Und ganz rechts erkennt man etwas, dass zunächst "Annoncier-Säule" genannt wurde, eine hohe, hohle Säule mit ca. 1,5 Meter Durchmesser für das Ankleben von Reklameplakaten, aber auch für öffentliche Bekanntmachungen und Nachrichten. Diese Säulen, die ab 1854 ihren Siegeszug durch Deutschland und Europa antraten wurden jedoch bald nach ihrem Erfinder, Ernst Lifaß, "Litfaßsäulen" genannt. Dem Vernehmen nach soll es heute noch ca. 70.000 dertiger Reklameträger im öffentlichen Raum geben. Zu erkennen ist die Ankündigung der "Vorletzten Woche" eines Gastspiels der skandalumwitterten spanischen Tänzerin "Otero" genannt "La bella Otero" im Berliner Wintergarten.

Weitere Fotos aus dem Album "Alte Bauten in Berlin "


Der größte Teil der in diesem Album gezeigten Bauten wurde in der Architekturzeitschrift:

Blätter für Architektur und Kunsthandwerk

veröffentlicht.

Diese Publikation erschien von 1888 bis 1913. Zu den halbmonatlichen Lieferungen wurden zehn bis zwölf Bildtafeln von Gebäuden veröffentlicht. Das heißt pro Jahr zwischen 120 bis ca 140 Bildtafeln und insgesamt ca. 3000 Abbildungen Die Bildtafeln, sog. Heliogravüren zeichnen sicht durch außerordentliche Detailtreue und Feinheit aus. Auch heute nach 100 bis 130 Jahren haben sie wenig von ihrer ursprünglichen Qualität verloren, so dass in einzelnen Fällen sogar Ausschnittvergrößerungen möglich sind. Bilderbuch Berlin wird alle diese Vorlagen, soweit sie die alte Reichshauptstadt betreffen, in der nächsten Zeit in diesem Album veröffentlichen.

Zu den einzelnen Bildtafeln lieferte die Redaktion Baubeschreibungen, die teilweise wörtlich zitiert, teilweise als Grundlage der eigenen Beschreibungen herangezogen werden.  

Architekturzeitschriften wie die vorliegende waren Publikationen für Architekten und Architekturinteressierte, die sicher zum Teil als Vorlagen für eigene Entwürfe und Gestaltungsmöglichkeiten dienten. Die Abbildung  historischer Bauten vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jhdts. lieferten außerdem mögliche Anregungen auf die die Baumeister des 19. und frühen 20. Jhdts. im Sinne des vorherrschenden Historismus zurückgreifen konnten.   

Die Bezugskosten beliefen sich übrigens im Jahre 1888 auf "36 Mark jährlich bei freier Zustellung"!
Vom zweiten Jahrgang an war die Erscheinungsweise nur noch monatlich und der Bezugspreis belief sich auf:Vierteljährlich 6 Mark bei freier Zustellung".

Ab September 1889 war der Herausgeber Paul Graef (1855-1925), Architekt und Hochschullehrer, der unter Anderem als Mitarbeiter von Paul Wallot (1841-1912) am Bau des Reichstages beteiligt war. Graef lieferte auch ein große Anzahl der Fotografien, die in den "Blättern für..." veröffentlicht wurden.

 

(Anmerkung: Bei wörtlichen Zitaten aus den Beschreibungen wurden die zeitgenössische Diktion und Rechtschreibung übernommen. z.B. Strasse, Thurm, Thor, gesammt, Stiehl)