Kein Campingzelt, Bebelplatz, 10117 Berlin - Mitte (1889)

Staatsbesuch des italienischen Königs : Kein Campingzelt

Bebelplatz (10117 Mitte)


Die originale Bildunterschrift lautet:

Die Festststrasse in Berlin am 21. Mai 1889
V. Das Huldigungszelt auf dem Opernplatze (heute Bebelplatz)

Die vor dem Zeltbau steneden Menschen machen die Größenverhältnisse deutlich. Die Grundfläche bildete ein Sechseck von neun Metern Seitenlänge, 18 Metern Durchmesser, also einer Gesamtfläche von ca. 210 qm. Und mit dem das ganze bekrönenden Adler war es auch neun Meter hoch. Wozu diente das "Huldigungszelt"? Zitat aus der Baubeschreibung: " Unter diesem Zelt huldigten die Vertreter der Künstlerschaft den einziehenden Majestäten."  

Die Verfasser der Beschreibung sind begeistert von der Pracht des Unterstandes: "Als Farbe trat im Innern wie im Aeussern nur Gold und in dem Palmenfries ein wenig Grün auf. Die Gesammtwirkung war bei Tageslicht wie bei künstlicher Beleuchtung eine überaus vornehme  und wahrhaft fürstliche."

Im folgenden Text beschreiben die Verfasser überschwänglich den Schmuck des Weges vom Opernplatz bis zum Schloss: "...so spiegelte sich doch der höchste Glanz heiterer Festfreude erst in dem Bilde, welches sich den Kommenden beim Betreten der Schlossbrücke darbot. Die Unzahl der grossen und kleinen mannigfach gezierten Maste mit ihren Flaggen, Wimpeln, Fahnen, Laubgehängen, Netzwerk; und dazwischen die springenden Wasser, im Hintergrunde das wenig phantasievolle, aber immerhin wirksam geschmückte Hohenzollernschloss - alle das vereinigte sich zu einer Wirkung, die in ihrem Zauber jeder Beschreibung spottete."

Erwähnenswert ist noch, dass an der Gestaltung dieses Abschnittes die Architekten Kayser & von Grossheim beteiligt waren. Die beiden, die in einer Bürogemeinschaft zusammen arbeiteten galten zum Ende des 19. Jhdts. als tonangebende Baumeister in Deutschland neben Berlin vor Allem im Rheinland.

Weitere Fotos aus dem Album "Staatsbesuch des italienischen Königs"


Die in diesem Album vorgestellten Bildtafeln tragen die Überschrift:

Die Haupt- Zierbauten der Feststrasse in Berlin bei der Einholung König Umberto´s von Italien am 21. Mai 1889

Aud sechs Tafeln werden diese Bauten vorgestellt. Die zeitgenössischen Beschreibungen sind gekennzeichnet von Pathos und Stolz auf die Ergebnisse. Ergebnisse, die uns heute fast kitschig anmuten, zeigen den Zeitgeist, der fast als Sucht zu bezeichnende Drang nach Pracht und Herrlichkeit und auch Protz.

Einige Fakten sollen den Aufwand für eine einzige Durchfahrt des Königs und seines Gastgebers Kaiser Wilhelm II darstellen. Die Beschreibung gibt einen Hinweis auf die Kosten: "Die Stadt-Verwaltung bewilligte nach gründlicher Überlegung und gewissenhafter Prüfung der Haupt- und Nebenumstände, spät aber doch noch rechtzeitig, die erforderlichen Mittel in der Höhe von 150. 000,- M." 150.000 Goldmark bedeuten nach heutiger Kaufkraft  ca. eine Million Euro. Man gönnt sich ja sonst nix! Dabei muss man bedenken, dass ein einfacher Arbeiter damals pro Tag drei bis vier Mark verdiente, auf die er natürlich auch Steuern zu zahlen hatte, Steuern, von denen der gezeigte Protz bezahlt wurde.

Zum Zeitaufwand: "Laues, helles Frühlingswetter  begünstigte ein schnelles Fortschreiten der Arbeit, und es entstand in 4 Tagen und 4 Nächten der prächtige Strassenschmuck, den wir unseren Lesern auf den beifolgenden Blättern in seinen Hauptstücken vorführen."

Beides wäre heute sicher unmöglich!

(Anmerkung: Bei den wörtlichen Zitaten aus den Beschreibungen wurden die zeitgenössische Diktion und Rechtschreibung übernommen. z.B. Strasse, Thurm, Thor, gesammt, Stiehl)