Bildung für höhere Töchter, Kaiserdamm 38, 14057 Berlin - Westend (1893)
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Ulrich  Hermanns Ulrich Hermanns
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Album: Alte Bauten in Berlin

Bildung für höhere Töchter - Alte Bauten in Berlin

Kaiserdamm 38 (14057 Westend)


Die originale Bildunterschrift lautet

Haus Tanneck in Westend bei Berlin
Ansicht von Norden her

In einer Zeit, in der Mädchen und jungen Frauen der Zugang zu öffentlichen Bildungseinrichtungen verwehrt war, waren privat geführte Pensionate und sog. Lyceen die einzige Möglichkeit für diesen Personenkreis, eine weiterführende Ausbildung zu erlangen. Aber selbst dabei wurde zunächst auf eine gute Ausbildung im hauswirtschaftlichen Bereich Wert gelegt, die dem Frauenbild der damaligen Zeit, beschränkt auf die Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter, entsprach.

Die Frauenrechtlerin Lucie Crain (Lebensdaten unbekannt) ließ im Westen von Berlin, damals noch fast ungestört im Grünen, ein Wohn- und Unterrichtsgebäude für ca. 50 "Zöglinge", ihre Lehrerinnen und die Dienerschaft errichten.  Sie hatte schon früher in Berlin eine sog. höhere Töchterschule gegründet und der neue Bau wird als Ergänzung dieser Einrichtung beschrieben. Als Eigentümerin war Lucie Crain natürlich auch Unternehmerin und sie sorgte durch hohe Qualität von Ausbildung und Unterbringung der Mädchen und jungen Frauen für einen guten Ruf ihrer Institute, so dass die naturgemäß gut betuchte "Kundschaft", Eltern und Familien der jungen Damen angelockt wurde.

Die Baubeschreibung nennt das Haus ein "schlossartiges Gebäude" auf einem ca. zwei Morgen (i.e. ca. 5000 qm) und weist darauf hin, dass "die behagliche Heimstätte" von einer hohen Wehrmauer umschlossen ist. Es wird weiter ausgeführt, dass hinter der langen Fensterreihe im Dachgeschoss, "also möglichst abgelegen, eine Reihe kleiner Zimmer angeordnet (ist), in denen die Klavier- und sonstigen musikalischen Übungen stattfinden. Um den Schall möglichst zu dämpfen, sind die Wände dieser Räume aus Korksteinen gemauert." Und als Highlight: "Der Thurm ist bis zum Fuße der Windfahne besteigbar und bietet eine prächtige Aussicht."   

Das vorliegende Bild zeigt die Gartenansicht des imposanten Bau, dessen hochragender Eindruck noch durch das abfallende Gartengelände verstärkt wird.

Weitere Fotos aus dem Album "Alte Bauten in Berlin "


Der größte Teil der in diesem Album gezeigten Bauten wurde in der Architekturzeitschrift:

Blätter für Architektur und Kunsthandwerk

veröffentlicht.

Diese Publikation erschien von 1888 bis 1913. Zu den halbmonatlichen Lieferungen wurden zehn bis zwölf Bildtafeln von Gebäuden veröffentlicht. Das heißt pro Jahr zwischen 120 bis ca 140 Bildtafeln und insgesamt ca. 3000 Abbildungen Die Bildtafeln, sog. Heliogravüren zeichnen sicht durch außerordentliche Detailtreue und Feinheit aus. Auch heute nach 100 bis 130 Jahren haben sie wenig von ihrer ursprünglichen Qualität verloren, so dass in einzelnen Fällen sogar Ausschnittvergrößerungen möglich sind. Bilderbuch Berlin wird alle diese Vorlagen, soweit sie die alte Reichshauptstadt betreffen, in der nächsten Zeit in diesem Album veröffentlichen.

Zu den einzelnen Bildtafeln lieferte die Redaktion Baubeschreibungen, die teilweise wörtlich zitiert, teilweise als Grundlage der eigenen Beschreibungen herangezogen werden.  

Architekturzeitschriften wie die vorliegende waren Publikationen für Architekten und Architekturinteressierte, die sicher zum Teil als Vorlagen für eigene Entwürfe und Gestaltungsmöglichkeiten dienten. Die Abbildung  historischer Bauten vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jhdts. lieferten außerdem mögliche Anregungen auf die die Baumeister des 19. und frühen 20. Jhdts. im Sinne des vorherrschenden Historismus zurückgreifen konnten.   

Die Bezugskosten beliefen sich übrigens im Jahre 1888 auf "36 Mark jährlich bei freier Zustellung"!
Vom zweiten Jahrgang an war die Erscheinungsweise nur noch monatlich und der Bezugspreis belief sich auf:Vierteljährlich 6 Mark bei freier Zustellung".

Ab September 1889 war der Herausgeber Paul Graef (1855-1925), Architekt und Hochschullehrer, der unter Anderem als Mitarbeiter von Paul Wallot (1841-1912) am Bau des Reichstages beteiligt war. Graef lieferte auch ein große Anzahl der Fotografien, die in den "Blättern für..." veröffentlicht wurden.

 

(Anmerkung: Bei wörtlichen Zitaten aus den Beschreibungen wurden die zeitgenössische Diktion und Rechtschreibung übernommen. z.B. Strasse, Thurm, Thor, gesammt, Stiehl)